
Brasilien beschließt als erstes Land der Welt die Einführung eines Grundeinkommens
Der Brasilianische Präsident Luis Inacio Lula da Silva hat im Jänner ein
Gesetz über die Einführung eines Grundeinkommens verlautbart. Dieses
verspricht allen BrasilianerInnen (ohne jeden Unterschied) und
AusländerInnen, die seit mehr als fünf Jahren im Land leben, eine
staatliche Leistung, mit der ihre Grundbedürfnisse wie Lebensmittel,
Erziehung und Geseundheit abgedeckt werden sollen. Dabei handelt es sich
um eine allgemeine Beihilfe, die von der Geburt bis zum Tod ausbezahlt
wird, bedingungslos und ohne Unterschied, für Reiche und Arme
gleichermaßen. In Brasilien ist das Votum für ein Existenzeinkommen, das
nach und nach eingeführt werden soll, der Hartnäckigkeit des Abgeordneten
Eduardo Suplicy zu verdanken, der seit 1991 für ein solches Gesetz
eintritt, welches nun von der aktuellen Regierung unterstützt wird.
Recht auf Leben für alle anerkannt
Das Brasilianische Grundeinkommen entspricht dem Prinzip des
Mindesteinkommens, das in vielen Ländern BefürworterInnen hat. Durch
dieses wird das Recht auf Leben für alle angerkannt, unabhängig von
bezahlter Arbeit. Erwerbsarbeit und Einkommen werden dadurch voneinander
getrennt. Die Idee gewinnt zunehmend an Bedeutung in einer Welt, in der
sich die Wirtschaft globalisiert und Arbeitsplätze vernichtet. Zuletzt gab
es in Südafrika eine breite Mobilisierung für die Einführung eines
Grundeinkommens durch eine breite Allianz aus Gewerkschaften, Kirchen und
NGOs.
Seit vielen Jahren treten etliche Ökonomen für ein Grundeinkommen für
jedeN BürgerIn ein, das ohne Rücksicht auf die persönliche Situation oder
Tätigkeit ein Leben lang ausbezahlt wird. Es gibt dafür verschiedene
Bezeichnungen, die immer auch etwas über das Projekt aussagen: je nach
Anliegen und Akteuren spricht man von Allgemeiner Beihilfe,
Existenzeinkommen, Bürgereinkommen, bedingungslosem Einkommen oder
universaler Dividende. Es gibt bereits ein Experiment in Alaska, wo durch
die Verteilung der Erdölrente an alle EinwohnerInnen ca. 1.500 Dollar pro
Person und Jahr ausbezahlt werden.
Schrittweise Einführung ab 2005
Das Gesetz, das nach 12 Jahren parlamentarischer Beratungen beschlossen
wurde, soll ab 2005 schrittweise verwirklicht werden - beginnend mit der
Auszahlung an die Armen. Je nach den budgetären Möglichkeiten müssen somit
auch konzessionen an die realen Gegebenheiten gemacht werden, was die
Kraft des Gesetzes beschränkt und dazu führen könnte, dass es letztlich
nicht die vorgesehene Wirkung entfaltet. Man müsse alles daran setzen,
dass dieses Gesetz "wirkt", so Präsident Lula da Silva.
Bereits umfangreiche soziale Bemühungen
Der brasilianische Staat hat seit Jahrzehnten auf unterschiedliche Art die
finanziellen Hilfen für die ärmsten Bevölkerungsteile ausgeweitet, um die
sozialen Ungleichheiten, das Elend und den Hunger zu mildern. So existiert
eine Schulbeihilfe für arme Familien, die ihre Kinder in die Volksschule
schicken, eine Lebensmittel-Beihilfe (Programm zur AUsrottung der
Kinderarbeit) und die Gas-Beilhilfe (eine kleine, zweimonatlich
ausbezahlte Summe, um Gas für die Küche zu kaufen). Der Erfolg der
Schulbeihilfe in den vergangenen 10 Jahren in Brasilia hat dazu geführt,
dass sie als eine der brasilianischen Sozialtechniken von der UNO
empfohlen und in viele Länder "exportiert" wurde.
Programm "Null-Hunger"
Die derzeitige Regierung hat unmittelbar nach Übernahme im JÄnner 2003 ein
Programm namens "Null Hunger" ins Leben gerufen, das neben einer
finanziellen Hilfe auch "strukturelle" Maßnahmen umfasst, wie die
Entwicklung der Kleinlandwirtschaft, Alphabetisierung und der Bau von
Zisternen, um in den semi-ariden Zonen Regen für Trinkwasser zu sammeln.
Ende Oktober vorigen Jahres hat die Regierung beschlossen, die
Weiterentwicklung dieser Aktivitäten, die von mehreren unterschiedlichen
Ministerien abhingen, abzubrechen und vier davon in einer Familienbeihilfe
zusammenzuführen. Diese beträgt mindestens 50 Reales (17,40 US-Dollar),
zuzüglich Schulbeihilfen, Lebensmittelhilfe und Gas-Beihilfe. Bis Ende des
vergangenen Jahres waren nach offiziellen Quellen 3.615.596 Familien in
dieses Programm übernommen worden.
Diese Verschiebung hat es erlaubt, das mittlere Familieneinkommen von 8,45
auf 25,30 Dollar zu erhöhen; ein großer Teil dieser Erhöhung konnte durch
Reduktion der Bürokratie finanziert werden, wie Ana Fonseca, die für die
Familienbeihilfe verantwortliche Staatssekretärin, erklärt.
Im Jahr 2003 wurden rund 1,5 Milliarden Dollar für die verschiedenen
Programme aufgewandt, und für dieses Jahr wird mit einer Erhöhung um 23 %
gerechnet, was eine bedeutende Subventionierung für die ärmere Bevölkerung
und die ärmeren Zonen Brasiliens bedeutet, so Fonseca.
Frau Fonseca weist darauf hin, dass die Höhe des Einkommens "nicht das
einzige Gesicht der Armut" ist, und dass daran gearbeitet wird, andere
Kriterien mit heranzuziehen wie Schulbildung, Wohnort (Land oder Stadt und
im zweiten Fall auch deren Größe), Eigentum oder Miete der Unterkunft und
Zugang zu Trinkwasser und Elektrizität.
41,4 Millionen Menschen vom Hunger befreien
Das Programm Familienbeihilfen hat zum Ziel, bis zum Jahre 2006 11,4
Millionen Familien zu erreichen, was 41,4 Millionen Personen entspricht,
weil die Familien im Durchschnitt 3,6 Mitglieder haben. Dies entspricht
nach Ansicht der Verantwortlichen der gesamten vom Hunger betroffenen
Bevölkerung in einem Land mit 175 Millionen EinwohnerInnen.
Diese Unterstützungen, die bis zur Einführung des Grundeinkommens
beibehalten werden, sind an Gegenleistungen der Familien gebunden, wie
etwa Schulbesuch, Impfungen, Teilnahme der Erwachsenen an
Alphabetisierungskursen, Informationsveranstaltungen über Ernährung oder
Berufsausbildung. Wie Staatssekretärin Fonseca erklärt, ist es sinnvoll,
die Bedingungen betreffend Kinder noch aufrecht zu erhalten, denn Familien
mit Kindern und Jugendlichen im Schulalter sind am meisten gefährdet. Das Brasilianische Grundeinkommen, das laut Senator Sublicy bis 2008 oder
2010 zur Gänze eingeführt sein soll, ist anders konzipiert: Es ist ein
Recht der Einzelperson und nicht der Familie. Auch ist es an keinerlei
Bedingungen geknüpft.
Quelle: DIAL - Information aus Lateinamerika - Nr. 38, Lyon (April 2004)